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Auch Schwer(st)behinderte müssen malů
Doch Behinderten-Toiletten an Autobahnen und anderswo haben ein Problem

Von Kurt R.B. Wanke

Seit etlichen Jahren gibt es an fast allen Autobahn-Raststätten und verstreut quer über diesen unseren Freizeitpark sogenannte »Behinderten«Toiletten, die nur mit einem Spezialschlüssel geöffnet (und benutzt) werden können (siehe auch unseren Bericht im PARAPLEGIKER 2/01. Eine gute Idee, aber auch wirklich durchdacht und praxisnah?

Was soll unter »behindert« laufen und was nicht, zum Beispiel weil ein Rollstuhl unverzichtbar ist? »Behinderten«-Toiletten der heute gängigen Bauweise sind sehr wohl hilfreiche Örtlichkeiten für stark Gehbehinderte, denen das Aufstehen von einer »normal« hohen Toilette schwerfällt, etwa wegen einer Hüftgelenksarthrose. Sie sind aber weder gedacht noch ausgestattet als Abführörtlichkeiten für Schwerstbehinderte, zum Beispiel Querschnittgelähmte oder Muskelkranke, die ihren Rollstuhl nicht einmal für eine Minute verlassen können, um sich etwa nach dem Abführen zu säubern.

Ist ja auch nichts gegen zu sagen, denn auch bei »Behinderten«-Toiletten ist die eierlegende Woll-Milch-Sau noch nicht erfunden und wird wohl auch für immer eine Chimäre bleiben. Der Abführvorgang eines Schwerstbehinderten ähnelt allenfalls im Endergebnis dem eines »nur« Gehbehinderten. Das fängt schon damit an, dass ersterer in der Regel keine Kontrolle über seine Peristaltik hat. Das bedeutet, dass sein Kot erheblich langsamer durch den Dünndarm in den Enddarm wandert und der Betroffene kein unmissverständliches Signal erhält, wenn der Dickdarm gefüllt ist und möglichst bald entleert werden sollte.

Diese Entleerung findet etwa bei Querschnittgelähmten nur alle zwei bis drei Tage statt und ist meist mit einer äußerst langwierigen Prozedur verbunden. Aufgrund der fehlenden Peristaltik und des nicht möglichen Entleerungsbefehls muss der Vorgang chemisch/mechanisch eingeleitet werden, meist durch das Setzen eines Klistiers oder das Stecken eines Abführzäpfchens.

Bis zum Eintritt der Wirkung vergeht oft eine ganze Stunde und mehr, wobei der Betroffene seinen Abführstuhl nicht einmal für kürzeste Zeit verlassen kann, da er den Zeitpunkt des Wirkungseintritts nicht abschätzen kann. Und wenn dann »die Sache« in Gang kommt, muss meist noch manuell nachgeholfen, das heißt der Darm »ausgeräumt« werden. Dass dies alles selbst mit bestem Willen nicht en passant auf einem Autobahn-«Behinderten«-WC durchführbar ist, dürfte selbst nach dieser kurzen Zusammenfassung jedem mit-denkenden Menschen klar sein. Denkt manů

Problem: die lange Verweildauer auf dem Sitz

Die lange Verweildauer auf dem Sitz bringt zwangsläufig auch eine erhöhte Gefahr einer Schmierinfektion im Harnwegsbereich mit sich. Mir liegen zwar keine wissenschaftlichen Zahlen vor, doch schätze ich, dass mindestens 10 Prozent aller allgemein zugänglichen »Behinderten«-Toiletten verkeimt sind. (Die Behandlung einer Harnwegsinfektion in einer für Querschnittgelähmte geeigneten Klinik kostet übrigens von 600 Mark/Tag aufwärts, bei einer durchschnittlichen Verweildauer von etwa 10 Tagen.)

Doch noch aus einem anderen Grund sind »Behinderten« Toiletten der beschriebenen Art für Querschnittgelähmte absolut ungeeignet: ihre Sitz»brillen« sind samt und sonders ungepolstert, was das »Besitzen« durch einen Dekugefährdeten schon nach spätestens einer viertel Stunde zum Flirt mit neuen Druckstellen macht.

Und wie steht es um den Einsatz eines zusätzlichen gepolsterten Sitzringes? Ein querschnittgelähmter Tarzan mit Hilfe seiner Jane würde es vielleicht gerade noch schaffen, den Höhenunterschied zwischen seinem Rolli und dem erhöhten Sitz samt der darüber schwebenden Wackelkonstruktion zu überwinden, aber erstens wird auch Tarzan von Jahr zu Jahr älter, und seine Sklavin Jane hat sich längst ihren Bandscheibenschaden eingefangen. Also: bitte zurück auf den Boden der Tatsachen!

Aber bleiben wir noch kurz bei dem gepolsterten Sitzring, den allen Ernstes – man höre und staune – der Oberarzt einer Spezialklinik für Querschnittgelähmte als Alternative zu den inzwischen bewährten, ohne Werkzeug zerlegbaren und somit uneingeschränkt reisetauglichen Hygienerollstühlen verordnet sehen möchte. Weiß der Mann wirklich, wie sein (hervorragendes) Team von Ergotherapeuten täglich um die optimale Versorgung seiner Entlasspatienten ringt? Schrieb er seine Empfehlung nach einer sternhagelblauen Nacht, aus Daffke, oder weil vielleicht ein hochmögender Kostenträger mit irgendeinem Gutachterauftrag lockt? Der Name tut nichts zur Sache, ist aber nachprüfbar bei der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Mölsheim dokumentiert.

Dieser Sitzring! Er lässt mich nicht mehr los! Wie der Name ja schon sagt, ist es ein (geschlossener) Ring, und ich frage mich, wie ich als Querschnittgelähmter seitlichen Zugriff haben soll zur Anal- und Genitalregion, um mich nach dem Abführen grob vorzureinigen, dann sorgfältig zu waschen, abzutrocknen und schließlich zur Verringerung der Deku-Gefahr auch noch einzucremen.

Die Hygieneanforderungen gehen aber bei manchen Menschen unerklärlicherweise sogar über das Abführen hinaus, und in Extremfällen soll sogar der Wunsch nach einem gelegentlichen Duschbad laut geworden sein. Hier ist natürlich der Sitzring überfordert, und ein gut durchfeuchteter Feudel wird wohl das Duschen ersetzen müssen. Wird aber der Sitzring mittels Siemens-Lufthaken direkt über einer Badewanne angebracht, so mag auch der Wunsch des Krüppels nach einem Duschbad von Zeit zu Zeit in Erfüllung gehen.

Eines jedenfalls kann der Sitzring, was selbst ein raffiniert zusammenfaltbarer Hygienerollstuhl nicht schafft: er passt unaufgeblasen ohne weiteres mit in den Kulturbeutel! Das wird sicher die Reiselust der Betroffenen wecken, und so manch einer wird sich wohl auch nicht mehr nach der Nähe jenes OA Dr. Eisenbarth sehnen, der Sitzringe statt bewährter Hygienerollstühle auch im Jahr 2001 für das Maß der Dinge bei der Hilfsmittelversorgung Ouerschnittgelähmter hält.

Wie sagte schon Juvenal? Difficile saturam non scribere!

Diplomkaufmann Kurt R. B. Wanke, 63, ist seit 1985 durch einen Arbeitsunfall querschnittgelähmt und beschäftigt sich seither gezielt mit der Verbesserung der Lebensumstände Behinderter. Zusammen mit seinem Sohn Florian konzipierte er das artosy-Toilettensystem für Rollstuhlfahrer, für das er unter anderem den Innovationspreis 1999 des Deutschen Erfinderverbandes e. V erhielt. Außerdem entwickelte er die X'ELTA-Zargen für das Barrierefreie Bauen und diverse andere Hilfsmittel. Die hier abgebildete Satire-Postkarte stammt aus der Serie "Miniposter' seiner Firma mfh, die monatlich neu auch im Internet unter www.mfh.de/Cartoons abgerufen werden können.

Veröffentlicht in: Paraplegiker
Heft 4/2001